Behandlungsfehler: Das Übernahmeverschulden

Aug 5, 2009

1. Das Übernahmeverschulden

Der Arzt ist verpflichtet, nur solche Behandlungen durchzuführen, deren Standards er kennt und beherrscht. Wenn er eine Behandlung übernimmt, für die ihm die erforderlichen Fachkenntnisse fehlen oder für die er räumlich, personell oder sachlich unzureichend ausgestattet ist, kann sich daraus ein Verschulden des Arztes kann ergeben.

Der Arzt ist verpflichtet, sich auf seinem Fachgebiet stets auf dem neuesten Stand zu halten. Das bedeutet, dass die auf seinem Fachgebiet einschlägige Fachliteratur regelmäßig liest und sich ständig fortbildet. Diese Pflicht beschränkt sich grundsätzlich auf das Lesen der inländischen Spezialliteratur. Der Arzt ist nur dann verpflichtet, das methodenspezifische ausländische Schrifttum zu berücksichtigen, wenn er neue Behandlungsmethoden an oder gar Methoden, die sich noch im Stadium der Erprobung befinden.

Ein Arzt ist dabei nicht auf die, zu seinem Fachgebiet gehörenden Behandlungsmethoden beschränkt. Es führt deshalb nicht allein die Tatsache zu seiner Haftung, dass ein Arzt eine Therapie anwendet, die in ein fremdes Spezialgebiet fällt. Bei Behandlungsmethoden eines fremden Fachgebiets hat er für die dort herrschenden Qualitätsstandards einzustehen. Ob er aufgrund seiner Kenntnisse und Fähigkeiten, seiner Erfahrung und seiner apparativen Ausstattung zu einer fachgerechten Behandlung des Patienten in der Lage ist hat jeder Arzt hat vor Übernahme einer Behandlung gewissenhaft zu prüfen. Es ist ein objektiver Maßstab unter Zugrundelegung seines konkreten Ausbildungsstandes anzulegen, wenn die Frage geklärt werden soll, mit welchen Risiken, Gefahren und Komplikationen ein Arzt rechnen musste. Mit Hilfe eines medizinischen Sachverständigen können danach die vorauszusetzenden Kenntnisse des jeweiligen Arztes ermittelt werden.

Beispiel: Muss ein Arzt im zweiten Ausbildungsjahr zum Facharzt für Orthopädie mit später aufgetretenen Komplikation rechnen und deshalb einen erfahrenen Facharzt hinzuziehen? Ob und inwieweit eine Änderung der Bewertung eingetreten ist und er den Patienten nunmehr nicht weiter alleine behandeln kann muss auch dann im Laufe der Behandlung fortlaufend selbstkritisch geprüft werden, wenn ein Arzt die Behandlung eines Patienten zulässigerweise übernimmt. Die Prüfung kann beispielsweise ergeben, dass der niedergelassene Arzt die Einweisung des Patienten in ein Krankenhaus veranlassen muss, dass das Krankenhaus den Patienten in eine Spezialklinik überweisen muss, dass eine Hebamme den Gynäkologen herbeirufen muss, dass ein Facharzt einen Konsiliarius hinzuziehen muss oder dass ein Allgemeinmediziner den Patienten zum Facharzt überweisen muss.
Es liegt ein so genanntes Übernahmeverschulden vor wenn der Arzt den Patienten weiter behandelt, obwohl er ihn hätte überweisen müssen. Ein Behandlungsfehler ist in der Unterlassung der Überweisung oder der Hinzuziehung begründet.

Wenn eine Behandlung übernommen wird, obwohl die hierfür erforderliche technische oder apparative Ausstattung fehlt, liegt des Weiteren ein Übernahmeverschulden vor. Der Arzt oder das Krankenhaus hat den Patienten an einen anderen geeigneten Behandler zu überweisen, sofern die räumliche oder apparative Ausstattung nicht ausreichend. Wenn also ein Krankenhaus eine Zwillingsgeburt durchführt, obwohl nur ein CTG-Gerät zur Verfügung steht, liegt etwa ein Übernahmeverschulden vor.

Weitere Urteile und Erfolge

Zahnarzthonorar höher als im Heil- und Kostenplan angegeben

Der Zahnarzt ist verpflichtet, das zahnärztliche Honorar so genau wie möglich im Vorhinein aufzuschlüsseln. Eine Erhöhung des im Heil- und Kostenplan vorgeschlagenen Honorars ist nur dann gerechtfertigt, wenn nicht vorhersehbare Umstände zu einer Erhöhung des...

Karpaltunnelsyndroms – eine fehlerhafte Behandlung

Das Karpaltunnelsyndrom, eine Kompressionssyndrom des Nervus mediarus im Bereich der Handwurzel. Diese Krankheit ist in Deutschland weit verbreitete, insbesondere sind Frauen betroffen. Die konservative Behandlung eines Karpaltunnelsystems ist zunächst durch das...

6.800 € Schadensausgleich nach Skiunfall

Unser Mandant erlitt einen Skiunfall in Österreich. Der Unfall ereignete sich ohne Verschulden seitens unseres Mandanten. Er erlitt einen Knochenbruch und musste sich mehrere Wochen in ärztliche Behandlung begeben. Wir nahmen daraufhin die Verhandlungen mit der...

50.000,- Euro Schmerzensgeld für fehlerhafte Schulteroperation

Das OLG Hamm hat mit Urteil vom 01.07.2014, Aktenzeichen: 26 U 4/13, der Klägerin 50.000,- Euro Schmerzensgeld aufgrund eines groben Behandlungsfehlers mit der Folge des fast vollständigen Funktionsverlustes einer Schulter zuerkannt. Die Klägerin ließ in der Klinik...