Behandlungsfehler: Therapieauswahlverschulden

Aug 5, 2009

5. Therapieauswahlverschulden

Wenn der behandelnde Arzt sich für eine therapeutische oder diagnostische Methode entscheidet, die medizinisch nicht indiziert ist, kann deshalb schon ein Behandlungsfehler vorliegen. Zwischen dem Vorliegen eines Behandlungsfehlers und der Begehung einer Aufklärungspflichtverletzung gerade in dem Bereich der Therapiewahl ist besonders strikt zu differenzieren. Der Grundsatz der Therapiefreiheit des Arztes gilt im Einzelnen. Der Arzt darf frei zwischen den zur Verfügung stehenden Methoden auswählen, denn die Auswahl der geeigneten Behandlungsmethode ist grundsätzlich seine Sache. Wenn die ausgewählte diagnostische oder therapeutische Behandlungsmethode von vornherein ungeeignet war liegt ein Behandlungsfehler vor. Dabei ist strikt zwischen Behandlungsfehler und Aufklärungspflichtverletzung zu trennen.

Auch wenn die nicht indizierte Methode nur auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten anwendet wurde und der Patienten ausdrücklich über die Nutzlosigkeit der medizinischen Maßnahme aufgeklärt wurde und haftet der Arzt unter dem Gesichtspunkt des Behandlungsfehlers. Man unterscheidet beim Aufkommen neuer medizinischer Behandlungsmethoden folgendes: Der Arzt schuldet dem Patienten eine Behandlung gemäß dem medizinischen Standard.
Es ist nicht die Pflicht des Arztes die jeweils neuste Methode und die neueste Therapiemöglichkeit anzuwenden. Die Verwendung der alten Methode begründet dann einen Behandlungsfehler, wenn eine neue Methode wissenschaftlich erprobt ist und sie entweder bei gleichen Risiken bessere Heilungschancen oder bei gleichen Heilungschancen geringere Risiken bietet und wenn sie sich in der Praxis nicht nur auf wenige Spezialeinrichtungen beschränkt. Die Therapiefreiheit des Arztes endet, wenn die gewählte Behandlungsmethode zwar grundsätzlich geeignet, im konkreten Fall jedoch eine konkurrierende Methode zwingend indiziert ist, weil sie der gewählten Methode eindeutig überlegen ist. Dann spricht man von einem Behandlungsfehler.

Methodenfreiheit besteht, wenn grundsätzlich mehrere verschiedene geeignete und bewährte Behandlungsmethoden existieren. Der Arzt kann die Behandlungsmethode auswählen, in der er besser geübt ist oder die er für geeigneter hält. Bieten die zur Auswahl stehenden Behandlungsmethoden die gleichen Heilungschancen, dann hat der Arzt die Methode zu wählen, die mit den geringeren Risiken verbunden ist, das ist die Begrenzung der Wahlfreiheit. Bei gleiche, Risiko der zur Auswahl stehenden Methoden, hat der Arzt die Methode zu wählen, welche die günstigere Heilungsprognose bietet. Eine andere Wahl des Arztes muss medizinisch-sachlich begründet sein. Eine sachliche Rechtfertigung kann sich aus den besonderen Sachzwängen des konkreten Falles ergeben. Der Arzt kann dann frei und uneingeschränkt wählen, wenn mehrere bewährte und geeignete Methoden zur Verfügung stehen, die sich in ihren Erfolgschancen, Risiken und Belastungen für den Patienten nicht oder nur unwesentlich unterscheiden. Auch ohne offensichtliche Überlegenheit der einen Methode gegenüber einer anderen ist es möglich, dass sich die Methoden hinsichtlich der mit ihrer Anwendung verbundenen Risiken oder der Belastung für den Patienten wesentlich von einander unterscheiden. Das ist etwa der Fall, wenn die eine Methode die besseren Heilungschancen bietet aber mit mehr Risiken behaftet ist als die andere, oder der wenn sich die mit den verschiedenen Methoden verbundenen Risiken ihrer Art nach wesentlich von einander unterscheiden, ohne dass eine Methode objektiv riskanter ist als die andere. Die unterschiedlichen Risiken der jeweiligen Maßnahmen sind weder größer noch kleiner, sondern einfach nicht vergleichbar. Unter dem Gesichtspunkt des Behandlungsfehlers hat der Arzt auch in diesen Fällen die freie Wahl. Ohne behandlungsfehlerhaft zu handeln kann er auch eine riskantere Methode wählen. Allerdings muss der Arzt den Patienten aufklären und beraten und bestehenden Behandlungsalternativen aufzeigen. Hierbei zeigt der Arzt dem Patienten die Vor- und Nachteile der jeweiligen Methode auf. Der Patient entscheidet, welche höheren Risiken und Belastungen er auf sich nehmen will, um eine höhere Erfolgschance zu erzielen. Hier greift das Selbstbestimmungsrecht des Patienten. Nur der Patient kann anhand seiner eigenen Wertungen und seiner persönlichen Risikobereitschaft eigenverantwortlich und selbstbestimmt abwägen.

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