Grober Organisationsmangel in der notfallmäßigen Intensivmedizin

Mrz 13, 2012

Einen schwierigen, nur wenige Minuten dauernden, Ablauf in einer Intensivstation (hier in einer Poliklinik) hatte das Oberlandesgericht München mit Urteil vom 15.12.2011 zu entscheiden. Auf einer Intensivstation muss umgehend Personal greifbar sein, das lebensbedrohliche  Situationen kunstgerecht behandeln und abwenden kann.  So urteilte das Oberlandesgericht München und sprach dem geschädigten Patienten ein Schmerzensgeld von 300.000 Euro zu. In dem konkreten Fall ging es um einen  Patienten, der nach einer Operation intubiert und maschinell beatmet wurde, wobei der Beatmungsschlauch durch die Nase gelegt worden war. Im Laufe der Zeit belegte sich der Tubus  (eine Hohlsonde) mit Sekret, weswegen der Patient nicht mehr ausreichend beatmet wurde und seine Vitalfunktionen daraufhin stark abfielen. Während dieser Zeit befanden sich auf der Intensivstation lediglich zwei Ärzte im Praktikum und ein Medizinstudent, der sich in der praktischen Ausbildung befunden hatte. Anstatt den Tubus zu entfernen und den Patienten anderweitig zu beatmen, hatten sich diese – ohne Erfolg – bemüht, den Tubus  durchgängig zu machen. Der alarmierte und diensthabende Stationsarzt  konnte ebenfalls den Tubus nicht ausreichend durchgängig machen, so dass dieser den Tubus schließlich entfernte und den Kläger nun mittels Atemmaske beatmete. Erst 22 Minuten später konnte das ebenfalls gerufene Reanimationsteam den Patienten mit Erfolg reintubieren. Nun ist der Patient wegen der erlittenen Sauerstoffunterversorgung ein Pflegefall, er befindet sich in einem Wachkoma.

Das Oberlandesgericht gelangte zu der Überzeugung, dass der hier in Frage stehende und verstrichene Zeitraum von 8 Minuten sowohl einen groben Behandlungs-  als auch einen groben Organisationsfehler darstellt. Das Gericht führt dabei aus:

Das Problem liegt nicht darin, dass die Extubation als solche schwierig durchzuführen wäre. Die anschließend zuverlässige Reintubation des Patienten mit einem neuen freien Tubus beziehungsweise die Überbrückung der Zwischenzeit mit Maskenbeatmung erfordert jedoch Übung und Erfahrung. Wenn dies nicht gelingt und der Patient auch nicht spontan atmet, ist dieser von der Sauerstoffversorgung abgeschnitten.“

Das Gericht sah eine Haftung wegen Organisationsmängeln ebenso wie eine Haftung wegen individuellen Versagens.  Es führt aus:

„[…] wenn […] leitende Ärzte keine geeignete organisatorische Vorsorge getroffen haben, um derartige Notfälle auf der Intensivstation zeitgerecht durch einen hinreichend qualifizierten Arzt behandeln zu können (grober Organisationsmangel)“ sei dies ebenso haftungsbegründend „[…] wie wenn eine derartige Struktur errichtet und hinreichend kommuniziert war, jedoch […] wider besseres Wissen und in Kenntnis der Tatsache dass wegen des hohen Risikos für Leben und Gesundheit des Klägers keine Zeit verloren werden darf, nicht umgesetzt wurde (grobes Individualversagen). In beiden Varianten muss der Beklagte für das Fehlverhalten seiner Mitarbeiter gleichermaßen und in vollem Umfang über § 278 BGB beziehungsweise § 31 BGB einstehen.“

Weitere Urteile und Erfolge

Zahnarzthonorar höher als im Heil- und Kostenplan angegeben

Der Zahnarzt ist verpflichtet, das zahnärztliche Honorar so genau wie möglich im Vorhinein aufzuschlüsseln. Eine Erhöhung des im Heil- und Kostenplan vorgeschlagenen Honorars ist nur dann gerechtfertigt, wenn nicht vorhersehbare Umstände zu einer Erhöhung des...

Karpaltunnelsyndroms – eine fehlerhafte Behandlung

Das Karpaltunnelsyndrom, eine Kompressionssyndrom des Nervus mediarus im Bereich der Handwurzel. Diese Krankheit ist in Deutschland weit verbreitete, insbesondere sind Frauen betroffen. Die konservative Behandlung eines Karpaltunnelsystems ist zunächst durch das...

6.800 € Schadensausgleich nach Skiunfall

Unser Mandant erlitt einen Skiunfall in Österreich. Der Unfall ereignete sich ohne Verschulden seitens unseres Mandanten. Er erlitt einen Knochenbruch und musste sich mehrere Wochen in ärztliche Behandlung begeben. Wir nahmen daraufhin die Verhandlungen mit der...

50.000,- Euro Schmerzensgeld für fehlerhafte Schulteroperation

Das OLG Hamm hat mit Urteil vom 01.07.2014, Aktenzeichen: 26 U 4/13, der Klägerin 50.000,- Euro Schmerzensgeld aufgrund eines groben Behandlungsfehlers mit der Folge des fast vollständigen Funktionsverlustes einer Schulter zuerkannt. Die Klägerin ließ in der Klinik...